Psychologen

Der regelmäßige Gang zum Psychologen ist ein Phänomen, dass mich persönlich sehr überrascht hat. Dazu ein interessanter Fakt: In Buenos Aires ist die Dichte von Psychologen pro Einwohner weltweit am Höchsten. Doch wie kommt es dazu?

Fitnessstudio oder Psychologe

Das erste Mal wurde ich mit dem Thema konfrontiert, als ich mit Freunden in einer Bar saß. Eine Bekannte kam etwas später und erzählte, dass es beim Psychologen länger gedauert hat. Daraufhin habe ich mich gefragt, welches Problem diese Person haben könnte. Später sprach ich einen Freund auf die Situation und er erklärte mir, dass es völlig normal sei einen Psychologen aufzusuchen. Es bedeutet nicht gleich, dass man mit einer schweren Kindheit oder Ähnlichem zu kämpfen hat. Es ist eher als Termin zu verstehen, bei dem man mit einer Vertrauensperson die Geschehnisse der Woche verarbeitet.

Für mich war dies zunächst befremdlich doch nach und nach konnte ich verstehen, warum viele Argentinier so häufig zum Psychologen gehen wie Deutsche ins Fitnessstudio. Meiner Erfahrung nach liegt das vor allem an der Intensität der sozialen Interaktionen und weiteren kulturellen Hintergründen.

Kulturelle Hintergründe

Im Allgemeinen konnte ich feststellen, dass Argentinier Konflikten eher aus dem Weg gehen. Das heißt, Probleme werden nur ungern angesprochen und selten direkt. Falls doch mal ein Problem angesprochen wird, wird dies eher oberflächlich geklärt. In Kombination mit den vielen sozialen Interaktionen (die gleichzeitig weiteres Problempotential bergen) führt dies unweigerlich zu “sozialem” Stress. Das Übrige tun dann die finanziellen Sorgen, hervorgerufen durch die stetigen wirtschaftlichen Probleme im Land. Aufsummiert ergibt sich dann für viele Argentinier, die einen Besuch beim Psychologen sinnvoll machen.

Selbstversuch

Zum besseren Verständnis habe ich selbst eine Session mit einem Psychologen gebucht. Meine Erfahrung waren dabei eher, dass der Psychologe einfach nur zuhört und eventuell nochmal nachhakt wie man sich in Situation X gefühlt hat und warum. Insgesamt habe ich drei Sitzungen besucht und es danach gelassen. Nach einer Sitzung fühlt man sich zwar besser, doch meiner Meinung ist das Ganze nur wenig konstruktiv. Wirkliche Tipps oder Ratschläge wurden mir nicht gegeben und alle besprochenen Dinge kann ich auch genauso gut Freunden erzählen. Für mich schien es eher ein Konzept a lá “Prostitution für die Seele” zu sein.

Dabei will ich gar nicht sagen, dass die Behandlung für die Patienten nichts bringt. Es scheint mir meiner Meinung nach nur nicht sehr nachhaltig zu sein. Für mich ist es eher ein wöchentliches Abladen der Sorgen, um in der nächsten Woche alles zu wiederholen, ohne die Situation langfristig zu verbessern. Ergänzend muss ich hinzufügen, dass ich lediglich zwei verschiedene Psychologen selbst aufgesucht habe und mir meine Beobachtung von argentinischen Freunden bestätigen lassen habe. Möglicherweise gibt es aber andere Psychologen, die ihre Sitzungen nachhaltiger ausrichten.

Fazit: Das Leben in Argentinien ist so turbulent, dass der Besuch beim Psychologen für viele Argentinier notwendig erscheint. Ich persönlich konnte nicht so viel aus den Sitzungen mitnehmen. Mir scheint das Betreuungskonzept nur wenig nachhaltig zu sein, da es sich eher auf das “Abladen von seelischen Balast”, als auf konstruktive Verbesserung konzentriert.

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